Kirche und Schule Ein Aufschrei ging durch die konservativen Kreise Deutschlands, als die Nationalversammlung 1919 in  Weimar beschloss, Staat und Kirche zu trennen. Das Christentum war damit nicht mehr Staatsreligion.  Auch auf die Schule hatte das Auswirkung. Die über ein Jahrtausend anhaltende Aufsicht der Kirche über  die Schule war beendet. Nun hatte der Staat das Sagen im Schulwesen. Eine Tradition hatte ihren  Abschluss gefunden, die von der  Zeit längst überholt worden war.  Begonnen hatte alles im Mittelalter. Schon aus den Jahren 529, 680 und 772 sind Aufforderungen an die  Geistlichen bekannt, in den Dörfern Schulen einzurichten. Ab dem 8. Jahrhundert entstanden Dom-,  Kloster- und Stiftsschulen. Sie sollten fähige Kleriker ausbilden. Bis zur Entwicklung der Städte im 11. und  12. Jahrhundert waren Religion und Bildung untrennbar verbunden - beides ausschließlich Sache der  Kirche.  Nun entstanden städtische Lateinschulen als Vorstoß gegen das kirchliche Bildungsmonopol, wie  z. B. 1212 die Thomasschule in Leipzig und 1300 die Kreuzschule in Dresden. Aufgabe dieser Schulen war  es es vor allem, Sänger für Knabenchöre auszubilden, die den Gottesdienst mit zu gestalten hatten. Weil  die liturgischen Texte in Latein geschrieben waren, hatte diese Sprache einen hohen Stellenwert bei der  Ausbildung. Der gesamte Unterricht erfolgte lateinisch. In einigen Schulen war es sogar verboten, Deutsch  zu sprechen. Der Lehrer las aus Büchern vor und ließ seine Schüler nachsprechen.  Als sich  Handel und Gewerbe stärker entwickelten, erwiesen sich kirchlich dominierte Schulen dafür mehr  und mehr als ungeeignet. Zunehmend waren berufsspezifische Kenntnisse wie z. B. Rechnen (Adam  Ries!) gefragt, die man bald an den städtischen Schulen erwerben konnte.  Die Reformation löste einen Säkularisierungsschub aus. Ehemalige Klosterschulen verloren ihre Bindung  an die Kirche, ohne dass damit eine Abkehr vom Christentum verbunden gewesen wäre. In manchen  Regionen brach das katholisch dominierte Schulwesen sogar gänzlich zusammen. Zu einem der Anliegen  der Reformation gehörte auch ein reformiertes Schulwesen, für das sich besonders Luther und  Melanchthon einsetzten. Bildung sollte für alle Menschen erreichbar sein und dazu die Schule neben  Religion Schreiben und Lesen sowie Kenntnisse über die Natur vermitteln. Luthers Absicht war es mit  dieser Forderung auch, die Menschen zu befähigen, die nunmehr in Deutsch vorliegende Bibel zu lesen.  Melanchthons "Schulkonzept" beruhte auf humanistischen Gedanken. Er war der Ansicht, dass die  Menschen nur durch sprachlich-geistige Bildung, besonders Griechisch und Latein, die Bibel verstehen  könnten. Die Folge dieser Ansichten war eine Umgestaltung des Schulwesens.  Visitatoren sollten Kirche und Schule dabei unterstützen. Als Leitfaden dafür diente die Schrift "Unterricht  der Visitatoren an die Pfarrherren im Kurfürstenthum Sachsen". Darin erhielten die Küster den Auftrag, sich  um die schulische Unterweisung der Kinder zu kümmern. Bezahlt wurden sie von der Kirche. Schulpflicht  gab es noch nicht, höchstens eine Empfehlung, den Unterricht zu besuchen, wie beispielsweise 1580 in  der Kursächsischen Schulordnung formuliert. August der Starke ging einen Schritt weiter und forderte 1724  in seinem "Erlaß von der von der Unterrichtung der Jugend" den Schulzwang für Knaben und Mädchen.  In verschiedenen deutschen Ländern waren konfessional bestimmte Bekenntnisschulen gegründet  worden. Daneben gab es Elementarschulen, in denen Religion, klassische Autoren, Sprachen und  Mathematik in den Vordergrund rückten. Thomas Max Safley bemerkt dazu: "Die weltlichen Bildungsziele  der Elementarschulen (Mäßigkeit, Gehorsam, Demut und Dankbarkeit) und die religiösen (Gottesfurcht und  Gesetzesfrömmigkeit) waren von der Konfessionszugehörigkeit unabhängig."   Im 18. und 19. Jahrhundert führte die Epoche der Aufklärung zu vielen gleichsam revolutionären  Vorstellungen. Von der Vernunft geleitete und mündige Bürger sollten in den Schulen erzogen werden. In  Sachsen trug 1773 eine erweiterte Schulordnung den Anforderungen an die Bildung breiter Schichten  Rechnung. Sie war auch deswegen erforderlich, weil durch die technische Revolution in der zweiten Hälfte  des 18. Jahrhunderts, (Erfindung der Spinnmaschine, des Webstuhls, der Dampfmaschine usw.)  Manufakturen entstanden, deren Beschäftigte eine größeres Wissen brauchten. Um sie auszubilden wurde  1787 in Dresden Friedrichstadt das königlich-sächsische Lehrerseminar gegründet, deren Direktoren nach  alter Gepflogenheit Pfarrer waren.  Als zukunftsweisend erwies sich das erste sächsische Schulgesetz, das “Elementar-Volksschulwesen  betreffend”, von 1835. Es regelte fast alle Angelegenheiten der Schulen, angefangen bei der landesweiten  Organisation des Schulwesens, über die Ausgestaltung der Schulen, Ferienzeiten, die Bezahlung der  Lehrer und die Schulstrafen bis hin zu den Unterrichtsfächern, legte jedoch auch fest, dass die Aufsicht  über die Schule bei den örtlichen Pfarrern bzw. auf höherer Ebene bei den Superintendenten liegt.  Ähnliche Gesetze erließen viele anderen deutschen Staaten auch. In den katholisch regierten entstanden  zu dieser Zeit hierarisch gegliederte Schulsysteme - von der Dorfschule bis zum Gymnasium.  Mit der Entstehung des Kaiserreichs 1871 gab es Bestrebungen zu reichseinheitlichen Regelungen. Das  Schulwesen blieb jedoch weiterhin Sache der Länder. Sachsen reagierte 1873 mit dem königlich-  sächsischen Volksschulgesetz, das u.a. die Volksschulen in einfache, mittlere und höhere gliederte und die  Unterrichtsinhalte festlegte. In Anlehnung an die Bismarcksche Schulpolitik legte es auch die Ablösung von  der kirchlichen Schulaufsicht zugunsten einer professionellen staatlichen in Gestalt von Direktoren und  pädagogischen Schulinspektoren fest. Einheitlich für das Deutsche Reich geschah das erst 1919 mit der  Weimarer Verfassung durch die Trennung von Kirche und Staat. Eine damals angestrebte zentrale  Regelung des Schulwesens wussten jedoch konservativ-christliche Kreise weiterhin zu verhindern.  Schulangelegenheiten blieben nach wie vor Sache der Länder - und sie sind es bis heute.   Das Kaiserzeitzimmer