Die deutsche Schrift “Am Anfang war das Wort” heißt es in der Bibel, und das Wort wurde nicht nur gesprochen. Es kann auch  geschrieben werden. Tausende in Jahrhunderten entwickelte Schriften sind der Beweis dafür. Die heutigen  abendländischen Schriften gehen auf einen gemeinsamen Ursprung zurück, auf die Capitalis, eine von den  Römern entwickelte Großbuchstabenschrift, die vor allem für Inschriften entwickelte wurde. Jahrhunderte  mussten vergehen, bis die Vorläufer unserer deutschen Schrift entstanden, die karolingische und später die  gotische Minuskel. Karolingische Minuskeln war die Kanzleischrift des Frankenreichs. Sie verfügten nicht nur  über Groß-, sondern erstmals auch über Kleinbuchstaben. Aus dieser Schrift heraus entwickelten sich  Zierschriften, die vor allem in den Scriptorien der Klöster gepflegt  wurden. Vor allem die ersten Buchstaben, die Initiale, wurden zu  wahren eigenständigen Kunstwerken. Mit Gutenberg fand die  Schrift Eingang in den Setzkasten. Damit endet ihre Geschichte  als geschriebenen Schrift des Mittelalters. Im späten Mittelalter  waren es die Humanisten, die teilweise antike lateinische  Schriften benutzen und eine neue Schriftart entwickelten: die  Antiqua. Sie verbindet Minuskeln mit der alten lateinischen  Capitalis. Spätestens Ende des 15. Jahrhunderts standen damit  zwei Schriftarten zur Verfügung, - die Antiqua, die später den Namen Lateinschrift erhielt, und die  gebrochenen Schriften, die “Deutsche Schriften” genannt wurden.  Die deutsche Schrift brachte Buchstaben hervor, die es in der Lateinschrift nicht gab, wie beispielsweise ä, ö,  ü und das “lange s”. Die gebrochenen Schriften unterscheiden sich in gotische oder Texturschriften - die  älteste Gruppe, aus der heraus Gutenberg seine Lettern für den Bibeldruck ableitete. Die zweite Gruppe  nennt man Schwabacher, die nach Schwabach bei Nürnberg benannt sein soll. Sie ist eine rein deutsche  Schöpfung, verläuft breit und schwungvoll. Die Großbuchstaben, bei der Textur noch stark eigenständig,  verschmelzen hier mit den kleinen zu einer Einheit. Diese Schrift taucht 1472 erstmals in Augsburg auf,  wurde jedoch Mitte das 16. Jahrhunderts von der Fraktur verdrängt. So heißen die eleganten Schriften der  jüngsten Gattung. Im Gegensatz zur Schwabacher haben sie einen höfischen Charakter. Diese Schrift findet  man erstmals im Gebetsbuch Kaiser Maximilians. Bis zum Verbot der deutschen Schriften durch die  Nationalsozialisten wurden die meisten deutschen  Texte in dieser Schrift gedruckt. Mit der Entwicklung der gegossenen Bleilettern  entzogen sich diese Schriften einer weiteren direkten  Entwicklung durch den Alltagsgebrauch. Dadurch  trennten sich die Entwicklungswege der deutschen  Druck- und der Schreibschriften und gingen  eigene  Wege. Schreibschriften erfuhren durch zunehmenden  Formenreichtum eine erheblich Bereicherung.  Im 17.  und 18. Jahrhundert begann sich die typische  schräge Lage durchzusetzen. Die Kurrentschrift  konnte sich nun entwickeln, ein Typ, der bis heute  geschrieben wird. Sie ist an ihren spitzwinkligen  Ecken ohne Brechungen innerhalb des einzelnen  Strichs erkennbar und ließ sich leicht sowohl mit  Gänse- wie mit Stahlfedern schreiben. Nachdem im  19. Jahrhundert der Beruf des Schreibmeisters  verschwand, wurde diese Schrift nun von  Schreiblehrern an den Schulen nach  unterschiedlichen Vorlagen gelehrt.  Aus dieser Schrift entwickelte Ludwig Sütterlin im  Auftrag des Königlich-Preußischen  Kultusministeriums ab 1911 die nach ihm benannte  Schrift. Als Anfängerschrift wurde sie in  verschiedenen deutschen Ländern ab 1915 gelehrt.  Auf ihrer Grundlage sollte sich eine persönliche  Handschrift herausbilden. Sütterlin war Grafiker und  arbeitete zur Entwicklung seiner Schrift mit 23  erfahrenen Schulmännern zusammen. Fälschlich wird  der Name seiner Schrift oft als Sammelbegriff für die deutschen Schreibschriften insgesamt benutzt.  Im Unterschied zu den altdeutschen Schriften bildete sich gleichzeitig die humanistische Kursive heraus, die  Mutter der heute gebräuchlichen Lateinischen Sütterlin-Schreibschrift.   Das Ende der deutschen Druck- und Schreibschriften kam plötzlich und unerwartet. Nachdem sie  verschiedene Nazigrößen noch gefördert hatten, setzte Martin Bormann, Stabsleiter der NSDAP, 1941 auf  Befehl Hitlers ein Verbot der deutschen Schriften in Gang. Begründung: Sie widersprächen der deutschen  Kultur. (Siehe Kasten links.) Auch nach dem Krieg konnten die alten deutschen Schriften nicht wieder Einzug  in die Schulen finden. Es fehlte an kundigen Lehrern. So werden sie von “Schriftkundigen” bewahrt, die sie  an begeisterte Interessenten weitergeben.   (Gekürzt nach “Was ist Schrift?” von Franz Neugebauer in “Idee und Bewegung”, Heft 93/April ‘11) Obersalzberg, den 3.1.1941 Rundschreiben (Nicht zur Veröffentlichung) Zur allgemeinen Beachtung teile ich im Auftrag des Führers mit: Die sogenannte gotische  Schrift als eine deutsche  Schrift anzusehen oder zu  bezeichnen ist falsch. In  Wirklichkeit besteht die  sogenannte gotische  Schrift aus Schwabacher  Judenlettern. Genau wie  sie sich später in den  Besitz der Zeitungen  setzten, setzten die in  Deutschland ansässigen  Juden bei Einführung des  Buchdrucks in den Besitz  der Buchdruckereinen und  dadurch kam es in  Deutschland  zu der  starken Einführung der  Schwabacher Judenlettern.  Am heutigen Tage hat der  Führer in einer Bespre-  chung mit Herrn Reichs-  leiter Amann und Herrn  Buchdruckreibesitzer Adolf  Müller entschieden, dass  Antiquaschrift künftig als  Normal-Schriftzu  bezeichnen sei. Nach und  nach sollen alle Drucker-  zeugnisse auf diese  Normal-Schrift umge-  stellt werden. Sobald dies  schulbuchmäßig möglich  ist, auf diese Normal-  Schrift umzustellen, wird  in den Dorfschulen und  Volks- schulen nur mehr  die Normal-Schrift gelehrt  werden.  Die Verwendung der  Schwabacher Judenlettern  durch Behörden wird  künftig unterbleiben.  Ernennungsurkunden für  Beamte, Strassenschilder  u. dergl. werden künftig  nur mehr in Normal-Schrift  gefertigt werden.  gez. M. Bormann Karolingische Minuskeln Sütterlin-Schrift  Das Kaiserzeitzimmer Ludwig Sütterlin Foto: Wickipedia